„In ihrem Zustand braucht sie keine Erbschaft!“, lachte ihr Mann im Gerichtssaal. Doch sobald Maria dem Richter den Zettel überreichte, herrschte absolute Stille im Saal.

Eine totenstille Stille senkte sich herab, so dicht, dass man sie beinahe greifen konnte. Der Gerichtsschreiber erstarrte und hob seinen Stift hoch. Olga Larson, seine Anwältin, verlor für einen Moment ihre eisige Fassung, ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. Die Richterin wandte langsam, sehr langsam, ihren Blick von Arthur zu Maria. Ihre Augen bargen eine so kalte Verachtung, dass sie in der Luft zu gefrieren und zu zerspringen schien.

Im selben Augenblick regte sich Maria, die sich völlig losgelöst gefühlt hatte. Sichtlich mühsam, trotz Zittern und Schmerzen, hob sie die Hand und reichte Jennifer ein gefaltetes Stück Papier. Das Stück, das sie die ganze Zeit umklammert hatte.

Die Anwältin nahm das Dokument mit der Sorgfalt entgegen, die man einem unschätzbaren Schatz entgegenbringt. Sie sah es sich selbst nicht an. Sie trat an den Stuhl des Richters heran und legte das Papier vor sich ab. „Euer Ehren, ich beantrage, dass dieses Dokument als Beweismittel zugelassen wird.“

Richter Peterson sah Arthur lange an, dann entfaltete er die Nachricht. Es war kein Hilferuf, keine Entschuldigung, kein Blatt mit wirren Kritzeleien. Es war eine Zeichnung. Ein erstaunlich detailliertes, lebendiges und berührendes Porträt eines kleinen Mädchens, etwa fünf Jahre alt, mit großen, hoffnungsvollen und strahlenden Augen. Jede Locke, jede Wimper, jedes Grübchen in ihrer Wange – alles war mit unglaublicher Liebe gezeichnet. Das Mädchen auf der Zeichnung lächelte, als kenne sie das größte Geheimnis der Welt.

In der Ecke stand in wunderschöner Kalligrafie, die unmöglich von einem Gemüse stammen konnte, die Inschrift: Meiner tapferen Kate. Danke für das Licht. Deine Tante Maria.

Im Gerichtssaal herrschte Stille. Der Richter hielt die Zeichnung hoch, damit alle sie sehen konnten. Sie sprach für sich. Es war das Werk eines reifen, feinfühligen Künstlers, dessen Inneres noch immer von Leben, Strahlkraft und Liebe erfüllt war.

In diesem Moment flogen die schweren Eichentüren des Gerichtssaals auf. Zwei uniformierte Polizisten und ein Mann in Zivil mit ernster Miene standen davor. „Ich bitte die Störung zu entschuldigen, Euer Ehren“, sagte der Mann und zeigte seinen Dienstausweis. „Hauptmann Peterson.“

Maria blickte den eintretenden Beamten nach, dann auf das aschfahl wirkende Gesicht ihres Mannes. In diesem Moment überwältigte sie die Anspannung der vergangenen Monate – der Schmerz, die Angst, dieser letzte, verzweifelte Kampf. Die Welt schien zu schwanken, Geräusche klangen gedämpft wie unter Wasser. Dann hüllte ein schwarzer, gnädiger Vorhang alles ein.

Maria sackte in ihrem Rollstuhl zusammen und verlor das Bewusstsein.

„Krankenwagen! Rufen Sie sofort einen Krankenwagen!“, hallte die Stimme des Richters wie ein Trommelschlag wider. Panik brach im Gerichtssaal aus, doch Maria, die bereits ohnmächtig geworden war, glitt zurück in die Vergangenheit. Zurück zu dem Ort, wo alles begonnen hatte.

Sechs Jahre zuvor hatte ein plötzlicher, unerbittlicher Herbstregen die Stadt heimgesucht. Fünf Minuten zuvor war die Sonne durch die Wolken gebrochen; nun hatte der sintflutartige Regen die Straße in einen reißenden Fluss verwandelt. Maria suchte Schutz unter dem kleinen Dach einer Buchhandlung. Ihre neuen Wildlederschuhe, die sie sich von ihrem ersten stattlichen Honorar für die Illustration eines Kinderbuchs gekauft hatte, waren durchnässt.

Sie wich einer besonders tiefen Pfütze aus, und in diesem Moment brach der dünne, elegante Absatz ihres rechten Schuhs mit einem gefährlichen Knall. Maria keuchte auf, verlor das Gleichgewicht und stürzte rückwärts in die riesige Pfütze. Sie schloss die Augen und erwartete eine kalte, schmutzige Ohrfeige, doch stattdessen spürte sie eine kräftige Hand, die ihren Ellbogen packte und ihren Sturz abfing.

„Sei vorsichtig“, sagte eine tiefe, angenehme Männerstimme.

Maria öffnete die Augen. Ein Fremder stand vor ihr, großgewachsen, in einer perfekt sitzenden Jacke, die völlig wasserdicht zu sein schien. Regentropfen glitzerten in seinem dunklen Haar, und ein schelmisches Funkeln huschte über seine grauen Augen. Er hielt einen großen schwarzen Regenschirm über sie, und unter dessen runder Form fühlte es sich plötzlich ruhig und behaglich an.

„Oh, danke“, flüsterte Maria und spürte, wie ihre Wangen rot wurden.

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